Es ist doch alles mit Photoshop machbar, oder? Ich meine, sind wir doch mal ehrlich, ein heutiger Fotograf muss nicht zwingend gut sein und sein Handwerk verstehen, wenn er sich doch mit Photoshop auskennt. Kameras die scharfe Bilder ohne jeglicher Voreinstellung machen sind Alltag und auch die Einstellungen von Blende, Iso oder Belichtungszeit, könnten von der Automatik übernommen werden. Jetzt gilt es nur noch den richtigen Bildausschnitt zu finden und in einem guten Moment abzudrücken. FERTIG… Der Rest wird in Photoshop gemacht.

Diese Ansätze, oder zumindest einen Teil davon hab ich schon sehr oft gehört und als Bildbearbeiter, der ich nun mal bin, muss ich dem ja auch zustimmen. Es ist nicht zwingend nötig ein gutes Bild schon in der Kamera zu machen. Es reicht einen Rohdiamant auf den Chip zu bannen und ihn dann in Photoshop zu schleifen. So machen es viele, ja sogar sehr viele und meines Erachtens nach, vergessen sie dabei auf die Grundlegendste Idee, die sie ursprünglich mal nachgegangen sind: “ich möchte Fotografieren lernen, ich möchte alles wissen und gut werden!”

Nini-Wald-streckend

Jetzt sei doch mal ehrlich, hattest du diesen Ansatz nicht auch ein mal verfolgt, warst du nicht auch gewillt, alles zu können, was dieser schwarze Kasten da vor dir im Stande ist? Bist du nicht auch bis zu einem gewissen Punkt gekommen und dann scharf auf die Schiene der Bildbearbeitung (und ich rede da nur von der Rawentwicklung, Schärfung, Looks und Co) abgebogen? Ich bin dies auf jeden Fall und ich gebe zu, es kotzt mich mittlerweile an. Ich beneide die Einsteiger die noch voller Vorfreude mit ihren Kameras ins Freie gehen und einfach wild drauf los shooten, die versuchen Blumen, Sternenhimmel und Langzeitbelichtungen zu fotografieren, eben genau die Dinge die man auch schon ohne Photoshop toll auf den Chip bannt. Mittlerweile höre ich jedoch bei so vielen Shootings schon die Aussage: “Das wirst du dann aber eh in Photoshop hinbekommen, oder?” BULLSHIT… Natürlich könnte ich später alles ausarbeiten, aber wozu? Steht mein Gegenüber (das Model) nicht zu ihrer Figur? Ist sie nur zu mir gekommen, weil ich das, was ich in Real aufzeichne dann verfremden kann bis es ihr passt? Hat man mich denn überhaupt für meine Fotografien gebucht, oder nur wegen meiner Kenntnisse in der Bearbeitung?

Nun gut, bis jetzt wurde dieser Blogeintrag etwas mürrisch in die Testen gehämmert aber ich reg mich auf und zwar tierisch, hab aber vor rund 15 Monaten, eine Lösung gegen das Problem gefunden. Dazu sollte ich vorab aber kurz mal auflisten was mein Problem ist und was ich daran ändern möchte.

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“Ich möchte als Fotograf ernst genommen werden, als einer der das Licht versteht, den Umgang mit dem Model beherrscht und aus seiner Kamera Sachen lockt, die einem zum Staunen bringen. Das Bild soll fertig sein und genau an dem Punkt an dem es “klick” macht, jeden zufrieden stellen und beeindrucken!”

Und so begann der Kampf und der Aufbruch an Ufern, die ich vor Jahren gar nicht mehr angesteuert habe, da sie mir zu mühsam erschienen oder eben leichter am Rechner zu lösen waren. Ich reiste nur noch mit meinem 55mm, packte nicht mehr ein und beschloss nur noch in JPG zu shooten. Fest entschlossen, das Bild fertig zu haben, wenn ich meine Kamera auf “OF” stellte.

Malle-Strauß-2015-Ori-Strand-Zehenspitzen

Das war gar nicht so einfach, denn ich ackerte mich durch die Betriebsanleitungen meiner Kameras, lernte noch mal von Grund auf alle Einstellungen und Möglichkeiten die mir mein dickes Handbuch gab. Fand Menüpunkte die Looks zauberten, die ich zuvor nur mit Müh und Not im Raw-Entwickler erschuf und wurde gezwungen zu warten… Auf das perfekte Licht, die beste Pose, den tollsten Gesichtsausdruck, die beste Stimmung. Aus 700 Bildern pro Shooting wurden 180, aus 180 wurden 50 und ich löschte, ja ich löschte schon in der Kamera. Schmiss alles raus, was für mich am Display nicht brauchbar war und was ich noch Wochen zuvor (zur Sicherheit) lieber nicht verwarf. Und siehe da, es brauchte seine Zeit, jedoch konnte ich ein Gefühl in mir wecken das ich nur am Anfang meiner Lehrzeit hatte: Ich war erstaunt was aus meiner Kamera kam, ich wollte mehr und konnte es nicht erwarten bis das nächste Model vor mir stand.

Was kann ich an der Stelle weitergeben?

Ich kann sagen, dass Bildbearbeitung nicht schlecht ist und sie in vielen Bereichen der Fotografie einfach nötig ist, jedoch nur weil ich kann, muss ich sie nicht zwingend einsetzten. Ich musste erkennen, dass einige meiner Modelle überrascht waren, nicht solche Bilder zu bekommen, wie ich sie in den Wochen vorher gemacht habe. (sie sahen einfach echter aus) Die Idee, nur eine Linse zu nutzen, keine weiteren Möglichkeiten zu haben und das Beste aus dem zu holen was man gerade hat, ist unglaublich spannend und brachte mich zum Denken und Experimentieren. Sich an die alten Könner der Szene zu orientieren und neue Idole zu finden denen man nachstrebt gab mir neue Ziele und Wünsche in welche Richtung es weitergehen soll. Und die Tatsache zu erkennen, dass das, was der RAW-Entwickler in Photoshop oder Lightroom macht, (fast) auch meine Kamera kann, das war das allergrößte!

Dein Matthias 😉